Täter- und Opferleben - Jedem das Seine?

 

In der Reinkarnationstherapie nach Ingrid Vallières und meiner Lehrerin Ursula Schmitz ist es üblich, die sich in der Regel zuerst zeigenden Opferleben aufzudecken, in denen einem „anderen Ich“ etwas angetan wurde, das eine Seelenwunde hinterlassen hat, unter deren Nachwirkungen die Patienten noch heute zu leiden haben. Anschließend fahndet man dann nach entsprechenden Täterleben, in denen wiederum eine frühere Verkörperung derselben Seele anderen Menschen etwas Ähnliches zugefügt und damit Schuld auf sich geladen hat. Auch Trutz Hardo folgt dieser strikten Karma-Philosophie, derzufolge jedes Opfer-Erlebnis durch eine entsprechende Tat verursacht wurde und die damit verbundene Schuld nur durch Vergebung getilgt werden kann. Dieser bekannte Rückführungstherapeut hat diese Philosophie konsequent umgesetzt in seinem vierbändigen Roman „Molar“, in dem die Biografie seines Vaters im Mittelpunkt steht auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus – jedoch auch aus einer höheren, jenseitigen Warte betrachtet. Damit er hat einen wunden Punkt in der deutschen Seele getroffen, weshalb der 3. Band „Jedem das Seine“ hier verboten wurde. Wenn man dabei an die Massenvernichtung der Juden denkt, hört offenbar in unserem Land die Meinungsfreiheit auf, womit auch der Fernsehmoderator und Fürsprecher der Esoterik-Bewegung Rainer Holbe hierzulande erfahren musste. Der gesunde Menschenverstand sträubt sich gegen eine solche Anschauung, die unsere alltägliche Sicht der Dinge auf den Kopf stellt. Aus einem Opfer wird ein potenzieller Täter (in der Vergangenheit), ein Täter dagegen zum ausführenden Organ einer höheren Gerechtigkeit. Selbst ein Vergewaltiger wäre demnach seinem Opfer nur „behilflich“ - so Trutz Hardo wortwörtlich – bei der Tilgung seines Schuldenkontos, war er doch in einem früheren Leben selbst der Bösewicht. Es kann sogar Absprachen geben im Jenseits zwischen den Seelen von Tätern und Opfer (auch im Falle eines Mordes!). Aber wo gibt es in einem solchen determinischen Weltbild, in dem Alles nach Plan verläuft und alle Täter und Opfer sozusagen „füreinander bestimmt“ sein sollen von den „Herren des Karma“, noch einen freien Willen und Entscheidungsfreiheit? Sind wir dann alle nur Marionetten, die einem eingefleischten Programm oder einer höheren Macht folgen? Zeichnet sich nicht unser irdisches Spielfeld gerade dadurch aus, dass wir jederzeit so oder anders handeln, „gut oder böse“ sein können? Ich kann die Sichtweise jener Reinkarnationstherapeuten nicht teilen und halte es deshalb auch nicht für sinnvoll, innerhalb der Rückführungstherapie aus jedem Opfer - spricht dem leidenden Patienten - einen Täter zu machen und somit sein Schuldbewusstsein zu verstärken.

 

Als Philosophin kann ich dieses deterministische Weltbild und die darauf gründende Ethik nicht teilen. Nach meinem Dafürhalten gibt es jederzeit die Möglichkeit, eine neue Ursache-Wirkungskette anzufangen oder eine alte "Wie du mir-so ich dir"-Kette durch Vergebung zu beenden, mithin aus freiem Willen eine böse oder gute Tat auszuführen, was der deutsche Philosoph Immanuel Kant treffend als „Spontaneität“ bezeichnet hat und uns Menschen als geistige Wesen auszeichnet. Nur weil wir zwischen verschiedenen Antworten wählen können auf die Fragen, die uns das Schicksal in bestimmten Situationen stellt, tragen wir Verantwortung für unser Handeln. Deshalb kann auch eine böse Tat unvorgesehen und unvorbestimmt ein unschuldiges Opfer treffen, auch wenn es „Unschuld“ in diesem Sinne nicht gibt, da wir ausnahmslos alle in vergangenen Leben falsche Entscheidungen getroffen haben und uns somit am Leben anderer „versündigt“ haben. Wir sollten deshalb jedes Opfer und jeden Patienten prinzipiell als unschuldig betrachten und Mitgefühl mit ihm haben, anstatt so hart zu urteilen, als ob es dem Opfer nur „Recht geschieht“ und es genau das verdient hat, worunter es zu leiden hat. Genauso sollten wir uns eines Urteils enthalten, wenn es um den „Täter“ geht: „Denn wer von uns frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“. Im Reinkarnationsprozess geht es nicht um die Frage von Schuld oder Unschuld, sondern nur - ganz wertfrei betrachtet - um Lebenserfahrungen – sowohl in der aktiven Täter-Rolle und als auch in der passiven Opfer-Rolle. Wir erfahren ein und dieselbe Sache aus verschiedenen Positionen und Perspektiven, bis wir uns selbst im anderen erkennen und spüren, dass Ich und Du im Grunde Eins sind „in Gott“. Wenn wir dieses Bewusstsein der All-Liebe leben und ganz Liebe geworden sind, wie es auch Trutz Hardo formuliert, dann schaffen wir kein neues Karma. Durch Vergebung und Liebe - ein Ausdruck der göttlichen Gnade - erfolgt die Karma-Auflösung.

 

 

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